Freier Personenverkehr: Eine wirtschaftliche Illusion? Der Weckruf von Reiner Eichenberger

Im Gegensatz zur vorherrschenden Darstellung von Lobbys und dem Bundesrat bricht Reiner Eichenberger ein Tabu: Die Personenfreizügigkeit ist kein Motor des Wohlstands, sondern ein System, dessen Kosten weitgehend ausgeblendet werden. Hinter den schmeichelhaften Zahlen und den Versprechungen von Offenheit beleuchtet seine Analyse eine differenziertere Realität – die eines Modells, das den Strukturen zugutekommt, während es zunehmenden Druck auf Lebensstandard und Infrastruktur ausübt.

In einem Interview mit L’Agefi (31. März 2026) übt der liberale Ökonom Reiner Eichenberger scharfe Kritik an einer Säule der Schweizer Politik: der Personenfreizügigkeit.

Ihre These ist unmissverständlich: sie würde die Schweiz mehr kosten als sie ihr einbringt.

Ein Wachstum, das dem System nützt... aber nicht den Bürgern

Eichenberger stellt einen zentralen Dogma in Frage: Mehr Bevölkerung = mehr Wohlstand.

Er unterscheidet zwei wirtschaftliche Realitäten:

  • Bruttoinlandsprodukt gesamt (was mit der Bevölkerung wächst)
  • BIP pro Kopf (was das Lebensniveau wirklich widerspiegelt)

Schlüsselkennzahlen genannt:

  • +0,64%/an Wachstum des BIP pro Kopf in der Schweiz (2007–2023)
  • Aber nur 0,39% wenn man Grenzgänger ausschließt
  • Weniger als die Eurozone (0,57%)

Starke Aussage

«Der Durchschnittsbürger lebt vom Pro-Kopf-BIP, aber einige Eliten leben vom Gesamt-BIP.»

Wachstum der Bevölkerung kommt vor allem den Strukturen (Verwaltungen, großen Unternehmen) zugute, nicht unbedingt der Bevölkerung.

Der wahre Blinde Fleck: die unsichtbaren Kosten

Einer der Hauptbeiträge von Eichenbergers Analyse liegt hier:

Die Kosten der Freizügigkeit sind massiv ... aber weitgehend ungemessen.

Er zeigt:

  • Sättigung der Infrastruktur (Straßen, Schulen, Energie)
  • Immobiliendruck
  • Umweltexternalitäten
  • öffentliche Streukosten

Schlüsselzitat:

«Auf über 1000 Seiten der Botschaft des Bundesrats fehlen Zahlen zu den Kosten.»

Eine direkte Kritik der aktuellen politischen Debatte: Wir messen die Gewinne, wir ignorieren die Kosten.

Einwanderung und Arbeitsmarkt: Ein kontraproduktiver Mechanismus?

Im Gegensatz zum vorherrschenden Diskurs behauptet Eichenberger, dass:

Einwanderung beseitigt Engpässe nicht … sie verschiebt sie.

  • Sie vermeidet die Lohnerhöhung
  • Sie bremst die Produktivitätssteigerung
  • Sie hält künstlich einige unwirtschaftliche Wirtschaftsmodelle aufrecht

Zitat:

«Die Einfuhr von Arbeitskräften verhindert, dass der Markt seine Rolle spielt.»

Anderer struktureller Effekt:

  • Die Schweizer steuern auf geschützte Berufe (Verwaltung, Recht) zu
  • Zunehmendes sektoralen Ungleichgewicht

Ein radikaler Vorschlag: «Kosten internalisieren»

Anstatt von Quoten schlägt Eichenberger einen liberalen Ansatz vor:

Die Einwanderung wertschätzen

Konkret :

  • eine Art «Kurtaxe»
  • unter Einbeziehung der reellen Kosten (Infrastruktur, Wohnraum, Umwelt)

Sprechendes Bild:

«Ein gutes Hotel empfängt seine Gäste... nur nicht umsonst.»

Ziel:

  • das System zur Verantwortung ziehen
  • qualitativ statt quantitativ auswählen
  • wiederherstellung einer Marktlogik

Analyse-Ergänzung: Was sich wirklich ändert

Seine Argumentation folgt einer kohärenten ökonomischen Logik:

Nicht internalisierte externe Effekte

Klassischer Fall: Wenn Kosten nicht von dem getragen werden, der sie verursacht → Ineffizienz

2. Verzerrung der Marktsignale

« Kostenlose » Einwanderung = falscher Preis → Fehlallokation von Ressourcen

3. Verzerrte politische Arbitrage

Entscheidungsträger profitieren vom Bevölkerungswachstum

Die Bürger spüren die Auswirkungen (Wohnraum, Stau, Druck)

Eine Infragestellung des politischen Konsenses

Eichenberger geht weiter und greift eine weithin akzeptierte Idee an:

Die Freizügigkeit als liberaler Wert.

Zitat:

«Der kostenlose Zugang zu den Früchten der Arbeit eines Landes ist eine kommunistische Idee.»

Eine intellektuelle Provokation, die zum Umdenken zwingt:

  • wirtschaftliche Souveränität
  • Gerechtigkeit der Systeme
  • Grenzen der Offenheit

Fazit — Die wahre Debatte beginnt jetzt

Die Analyse von Reiner Eichenberger hat den Verdienst, eine grundlegende Frage aufzuwerfen:

Und wenn das Problem nicht die Einwanderung an sich wäre … sondern ihr Fehlpreis?

In einem Land mit hoher Attraktivität wie der Schweiz bedeutet die Missachtung der Kosten, die Organisation der Sättigung zu veranstalten.

Mit Annäherung an die Abstimmung vom 14. Juni stellt sich eine Frage:

Was kostet die Freizügigkeit wirklich – und wer bezahlt die Rechnung?