Masseneinwanderung: Wenn die Wirtschaftseliten eine Scheindebatte fabrizieren

Seit Jahren versucht ein Teil der Wirtschaftselite, eine einfache Idee durchzusetzen: Ohne Masseneinwanderung würde die Schweiz zusammenbrechen. In seinem jüngsten Gastbeitrag greift der Präsident der Fédération des Entreprises Romandes Ivan Slatkine diese Panikmache auf, indem er eine gelähmte Schweiz beschreibt, die von ihren Arbeitskräften entleert und zum Niedergang verurteilt ist. Hinter diesen Horrorszenarien verbirgt sich jedoch vor allem der Versuch, ein Wirtschaftsmodell zu verteidigen, das von einem ständigen Bevölkerungswachstum abhängig geworden ist. Und wenn die wahre Debatte im Gegenteil gerade darin bestünde, ob diese Flucht nach vorn für die Schweiz noch tragbar ist?

Bei jeder Abstimmung über die Einwanderung wiederholt sich das gleiche Szenario. Die gleichen Wirtschaftsakteure schüren die gleichen Ängste. Und die gleichen Katastrophenprophezeiungen werden recycelt, um zu versuchen, jegliche Infragestellung des aktuellen Modells zu disqualifizieren.

Der kürzlich erschienene Tribut von’Ivan Slatkine, Vorsitzender der Verband der Westschweizer Unternehmen (Fédération des Entreprises Romandes, FER), Die Geschichte der Kinder und Jugendlichen in der Schule ist ein fast schon karikaturistisches Beispiel dafür.

Unter dem Vorwand, den Wohlstand der Schweiz zu verteidigen, stapelt sie alarmistische Argumente gegen die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Doch hinter der dramatischen Rhetorik und den dystopischen Szenarien bleibt eine wesentliche Frage sorgfältig vermieden: ist das derzeitige Modell der Masseneinwanderung für die Schweiz wirklich nachhaltig?

Analysieren wir die Fakten.

1. «Die Unternehmen werden keine Arbeitnehmer mehr finden».»

Das ist das zentrale Argument der Arbeitgeber.

Sie beruht jedoch auf einem grundlegenden Widerspruch: Wenn es in der Schweiz trotz einer Rekordeinwanderung in den letzten 20 Jahren strukturell an Arbeitskräften mangelt, dann liegt das genau daran, dass das Wirtschaftsmodell beruht auf einem ständigen Bevölkerungswachstum.

Ein System, das ein ständiges Bevölkerungswachstum erfordert, um zu funktionieren, ist kein nachhaltiges Modell. eine demografische Flucht nach vorn.

Die eigentliche Frage lautet nicht «Wie importieren wir immer mehr Arbeitskräfte?», sondern wie die Produktivität, die Ausbildung und die Wertschätzung der lokalen Arbeit verbessert werden können.

Die Schweiz war lange Zeit wohlhabend mit einer viel kleineren Bevölkerung.

2. «Krankenhäuser werden ohne Zuwanderung zusammenbrechen».»

Dieses Argument ist ebenso brüchig.

Schon heute bildet die Schweiz einen Großteil ihres medizinischen Personals im Ausland aus oder ist massiv von ausländischen Fachkräften abhängig. Dies ist keine nachhaltige Lösung: Es ist eine Auslagerung der Ausbildungskosten in andere Länder.

Das Bevölkerungswachstum zu begrenzen würde stattdessen dazu zwingen, das zu tun, was die Schweiz schon lange hätte tun sollen:

mehr medizinisches Personal ausbilden und die Berufe des Gesundheitswesens aufwerten.

3.« Der öffentliche Verkehr und die Infrastruktur werden zum Erliegen kommen».»

Dabei wird eine einfache Tatsache vergessen.

Die Schweizer Infrastruktur steht heute unter Druck gerade wegen des schnellen Bevölkerungswachstums.

Überlastete Straßen.

Überfüllte Züge.

Wohnungen unter Spannung.

Masseneinwanderung als Lösung für Probleme darzustellen, zu deren Verschärfung sie selbst beiträgt, ist ein Zirkelschluss.

4. «Die Landwirtschaft und das Baugewerbe werden nicht überleben».»

Dieses Argument taucht immer wieder auf.

Die Realität ist jedoch nuancierter: Diese Sektoren beruhen weitgehend auf einer billige ausländische Arbeitskräfte, Die meisten Menschen sind in der Lage, sich selbst zu helfen.

Damit wird die Frage wirtschaftlich und ethisch:

wollen wir ein Modell, das strukturell von einem ständigen Zustrom billiger Arbeitskräfte abhängig ist?

Oder eine Vorlage, in der die Arbeitsbedingungen und der Wert der manuellen Arbeit aufgewertet werden ?

5. «Die Schweiz wäre isoliert und würde die Bilateralen verlieren».»

Auch hier wird das Katastrophenszenario gezeichnet.

Dennoch ist die Schweiz kein Mitglied der Europäischen Union und hat ihren Wohlstand stets aufgebaut auf ihre Fähigkeit, ausgewogene Abkommen auszuhandeln und dabei ihre Souveränität zu wahren.

Die Freizügigkeit ist kein historisches Schicksal. Sie ist ein politisches Instrument, das angepasst werden kann.

Die Behauptung, dass jede demografische Regulierung automatisch zum Zusammenbruch der Beziehungen mit der EU führen würde, ist mehr als politische Einschüchterung als wirtschaftliche Analyse.

Die wahre Debatte

Der Tribut von Ivan Slatkine beruht auf einer impliziten Annahme:

mehr Bevölkerung bedeutet automatisch mehr Wohlstand.

Diese Gleichung wird jedoch von vielen Wirtschaftswissenschaftlern angezweifelt.

Denn der Reichtum eines Landes hängt nicht nur von der Anzahl der Einwohner ab, sondern von weitaus entscheidenderen Faktoren:

Produktivität, Innovation, institutionelle Stabilität und Qualität der Infrastruktur.

Und in diesen Punkten verfügt die Schweiz bereits über außergewöhnliche Stärken.

Schlussfolgerung

Die Debatte über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» verdient Besseres als dystopische Szenarien.

Er verdient eine echte strategische Fragestellung:

⮕ Welches demografische Modell wollen wir für die Schweiz?

⮕ Welche Lebensqualität wollen wir bewahren?

⮕ Welche Infrastrukturkapazität können wir unterstützen?

Diese Debatte auf eine Entscheidung zwischen «Öffnung» und «Niedergang» zu reduzieren, ist eine gefährliche Vereinfachung.

Die Schweiz ist nie durch Mitläufertum oder Angst gediehen.

Sie gedieh durch Klarheit, Unabhängigkeit und die Beherrschung des eigenen Schicksals.